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Gedenkstättenfahrt nach Theresienstadt

Multikulturelles Forum e.V., Lünen

Lobende Erwähnung

In den Herbstferien 2005 führte das MkF eine Gedenkstättenfahrt nach Theresienstadt, Lidice und Prag durch. Damit standen drei Orte im Zentrum der Fahrt, die die Verbrechen des Nationalsozialismus in besonderer Weise widerspiegeln und damit auch der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und der deutschen bzw. der europäischen Geschichte dienen.

Die Reise ging jedoch durch ihre besondere Zielrichtung über den Charakter einer „reinen“ Gedenkstättenfahrt hinaus. Mit jungen türkischstämmigen Migranten, jüdischen Kontingentflüchtlingen und Deutschen setzte sich die Gruppe der Teilnehmenden explizit aus Personen mit unterschiedlichen nationalen, kulturellen und religiösen Wurzeln zusammen.

Die Gedenkstättenfahrt bot ganz zentral auch jungen Erwachsenen aus Migrantenfamilien die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als wesentlichem Teil der deutschen Geschichte und damit der Geschichte des Landes, in welches sie eingewandert oder auch geboren wurden. Zugleich regte die Fahrt den Austausch über die eigenen kulturellen Grenzen hinweg an. Mit der kulturellen Unterschiedlichkeit der jungen Teilnehmenden konnten die klassischen Rollenzuweisungen („Tätervolk“ – „Opfer“ – „Mitläufer“) unter ganz neuen und bislang ungewohnten Blickwinkeln thematisiert und die unterschiedlichen Umgangsformen der jeweiligen kulturellen Gruppe mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bewusst werden.

Neben gemeinsamen Führungen und Besichtigungen unterschiedlicher historischer Stätten in Theresienstadt und auch in Prag standen bei der Umsetzung vor allem Gespräche mit Zeitzeuginnen, themenspezifische Workshops und moderierte Diskussionsrunden im Vordergrund.

Ergebnisse:

In einer Diskussion zu Beginn der Gedenkstättenfahrt äußerten einige der jungen MigrantInnen ihr Unverständnis darüber, dass die „Deutschen sich immer noch soviel mit Hitler und dem Nationalsozialsozialismus“ beschäftigten. In den Rückmeldungen der Teilnehmenden am Ende der Fahrt äußerten sie ihre Verwunderung darüber, dass der Nationalsozialismus tatsächlich nicht – wie offenbar von den meisten vermutet – allein ein rein deutsches Phänomen war, sondern durch die Besatzungen, durch den Weltkrieg und insbesondere durch die Deportationen von Juden und vielen anderen Bevölkerungsteilen alle anderen europäischen und weitere benachbarte Länder betraf. Erst das Kennenlernen jüdischen Lebens in Prag, das Gespräch mit Zeitzeugen und vor allem der Aufenthalt in Theresienstadt machte ihnen bewusst, dass Europa auch vor dem 2. Weltkrieg von Migration und gegenseitigen Einflüssen geprägt war und dass das nationalsozialistische Vernichtungssystem länder- und kulturübergreifend war.

Über die multikulturelle Zusammensetzung der Gruppe wurde auch ein Austausch über die verschiedenen kulturellen Wurzeln und eine durchaus jeweils unterschiedliche Herangehensweise an die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ermöglicht. Neben den persönlichen Gesprächen zwischen den verschiedenen Gruppen entwickelte sich im Verlauf der Fahrt ein gegenseitiges Interesse an den anderen Kulturen (so bspw. der muslimischen Teilnehmenden an den jüdischen Riten beim Besuch des Krematoriums und des ehemaligen jüdischen Gräberfeldes in Theresienstadt) oder auch an der eigenen Kultur (z.B. der jüdischen Teilnehmenden mit ukrainischen und russischen Wurzeln, denen z.T. die jüdischen Traditionen fremd waren).

Durch die unterschiedlichen Rollenverständnisse und persönlichen Erfahrungen in der heutigen Gesellschaft – insbesondere unter Einbezug der eigenen Rolle als MigrantIn – wurden von den Jugendlichen Geschehnisse und Hintergründe der nationalsozialistischen Rassenideologie („Herrschaftsmenschen“, „Untermenschen“) ganz anders diskutiert, was vor allem auch ein Gewinn für die Jugendlichen deutscher Herkunft war.

Die Gedenkstättenfahrt in dieser besonderen Form war für alle Beteiligten eine sehr wichtige und auch beeindruckende Erfahrung, die auch eine Wirkung über die eigentliche Gruppe hinaus hatte (Freundeskreis, Mitschüler, Familie, Verein). Neben der Intensität der Veranstaltung über 5 Tage war das Zusammenkommen unterschiedlicher kultureller Hintergründe der Teilnehmenden ein sehr positiver Faktor. So erlebten die Teilnehmenden – so unterschiedlich sie waren – bspw. beim Zeitzeugengespräch in Prag hautnah die Wichtigkeit, sich frühzeitig gegen neonazistische und ausländerfeindliche Tendenzen zu wehren. Die Auseinandersetzung mit der Fragestellung „Wie hätten wir uns in der damaligen Zeit verhalten?“ und die Brücke zu eigenen Erfahrungen in der Gegenwart – Verantwortung aus der nationalsozialistischen Vergangenheit, Umgang mit aktuellen rechtsextremen und ausländerfeindlichen Entwicklungen und vor allem dem eigenen Rollenverständnis als Deutscher, Migrant oder jüdischer Kontingentflüchtling – war für alle Teilnehmenden von sehr hoher und weitreichender Bedeutung.

Initiative

Multikulturelles Forum e.V.
Bahnstr. 31
44532 Lünen
Telefon 02306 / 93 39-10
Fax 02306/ 93 39-29
Mail info@multikulti-forum.de
Internet www.multikulti-forum.de
Ansprechpartner
Marcus Heer

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